"Der neue Mensch" -
Medizin Macht Subjekte

Parallel zur Verklärung von gesellschaftlichen Entwicklungen und Verhältnissen, sei es der Neoliberalismus, die Standortlogik, sexistische Gewalt oder Armut, zu Naturgesetzlichkeiten kommt zur Zeit zunehmend ein Diskurs der Notwendigkeit der biologisch medizinischen Optimierung der Subjekte in Mode. Gerade die Biologie, der leibliche Mensch erscheint in der Logik moderner Medizin, Biologie und Genetik als das Veränderbare, während gesellschaftliche und politische Verhältnisse unveränderlichen Gesetzen zu folgen scheinen. Die Medizin übernimmt damit zur Zeit wieder einmal die Aufgabe die Subjekte entsprechend den Forderungen des Kapitals zu formieren, zu disziplinieren und auszusortieren.

Die moderne Medizin war von vornherein aufs engste mit staatlicher Macht und der Formierung des bürgerlichen Subjektes verbunden. Und nur dieser Verbindung verdankt sie die Durchsetzung ihrer Monopolstellung, denn zu Beginn der Neuzeit waren Mediziner im Regelfall, betrachtet fraumann die Erfolgsaussichten, die schlechtere Adresse für Kranke.

Die Logik, die dabei von der Medizin nach Außen getragen wird ist dabei doppelt falsch. Denn falsch ist nicht nur die gesellschaftlichen Entwicklungen zu Naturnotwendigkeiten zu verklären, sondern auch der medizinische Ansatz, der die menschliche Leiblichkeit auf Biologie reduziert. Genauer müsste gesagt werden, dass Medizin und Biologie immer schon selbst diskursive und soziale Produkte sind.

Wir haben in der Veranstaltungsreihe - Medizin Macht Subjekte - Ende 2005 an einigen Punkten aktuelle neue und alte, immer noch aktuelle Zusammenhänge, von Medizin, Macht, Politik und Gesellschaft thematisiert. Hier findet Ihr nun eine Dokumentation der 5 thematischen Schwerpunkte mit Texten der Vortragenden, Hinweisen auf Literatur und Filme.
Zur Einleitung hier noch ein kurzer Text, aus dem AK-ANNA-Berlin - als HTM - als Word - als PDF.


Nun zu den Themen im Einzelnen.


– Antifeministische Gewalt in der Medizin, Gestern und Heute, feministische Literatur über medizinische Gewalt

– Bevölkerungspolitik und Feminismus, eine Kritik aktueller politischer Ansätze durch Susanne Schultz

– ‚Dual Use’? High Tech für militärische und zivile Nutzungen in Medizin und Kunst, Texte zum militärisch medizinischen Komplex

– Der Blick der Norm auf "Behinderung" als Abweichung und die Angst und die Gewalt der "Normalen", einige Anmerkungen zum Film; Der Pannwitzblick (Didi Danquart - Deutschland 1991 - 90 min)

– Medizinalisierung des Politischen, Thesen zur Funktion von Opferdiskursen




Antifeministische Gewalt in der Medizin, Gestern und Heute, feministische Literatur über medizinische Gewalt


Frauen, die sich der patriarchal-sexistischen Norm verweigert haben oder gar als Feministinnen diese bekämpft haben, wurden auch mit medizinischer Gewalt unterdrückt. Ärzte und Ärztinnen sind auch heute wesentlicher Teil eines Machtsystems zur Durchsetzung der geschlechtlichen Norm. Die Reihe schwerster systematischer Menschenrechtsverbrechen durch die Ärzteschaft gegenüber Frauen, die ihre Geschlechtsrolle nicht erfüllen, ist so lang (Psychiatrisierung/Gebärmutterentfernung mit Todesfolge/Zwangsernährung/Zwangssterilisation/..), dass sie auch in mehreren Büchern nicht vollständig behandelt werden könnte. Auf der Veranstaltung wurde versucht sich diesem Thema durch literarische Texte von politisch aktiven Frauen unterschiedlicher Generationen zu nähern.
Unter den folgenden Links findet Ihr einen literarischen Texte von Kate Millet aus den 80er Jahren, Auszüge aus dem Buch - 'Der Klappsmühlentripp' -, zur Gewalt der Zwangspsychiatrie. Eine Beschreibung aus der Sicht eine Frau, die diese Gewalt erfahren hat.


Kate Millet 1998 in Berlin auf dem
Foucault-Tribunal gegen Zwangspsychiatrie

Ihr findet eine Reportage von Djuna Barnes, einen kurzen Text zur Gewaltausübung/Folter durch Zwangsernährung gegen Hungerstreikende - 'Kennen Sie Zwangsernährung' -. Djuna Barnes hat sich zu Beginn des 20ten Jahrhunderts für diese Reportage dieser Prozedur selbst freiwillig ausgesetzt um als Journalistin über diese Form der medizinischen Gewalt, die gegen die Sufragetten in Großbrittanien ausgeübt wurde und nicht selten langfristig zum Tod führte, berichten zu können.
Außerdem findet Ihr hier die gekürzte Fassung eines frühen Textes (Ende 19tes Jahrhundert) über die normierende Gewalt der Medizin gegen Frauen, für die die Krankheit, die einzige Möglichkeit scheint sich dem Funktionieren in der Frauenrolle zu entziehen. Die Erzählung - Die Gelbe Tapete - von Charlotte Perkins Gilman beschreibt die Flucht einer Frau in die Depression und hat starke autobiografische Bezüge. Charlotte Perkins Gilman überwand ihre eigene schwere Depression dadurch, daß sie ihre Familie (zuerst den Mann und dann auch die Tochter) verließ und sich der feministischen politischen Arbeit widmete. Aus dieser Position war es ihr auch möglich neue Liebesbeziehungen einzugehen.

Literatur ist gerade deshalb besonders geeignet, diese teils eher subtilen Formen der Gewalt zu fassen, weil sie in der Lage ist, Formen von Gewalt zu beschreiben, die im wissenschaftlichen Text unterdrückt werden.

Auszüge aus dem Buch - 'Der Klappsmühlentripp' - von Kate Millet (Ihr könnt dies auch in Bibliotheken ausleihen aber auch kaufen) - als HTM - als Word - als PDF.

Die Kurzreportage - 'Kennen Sie Zwangsernährung?' - von Djuna Barnes (Ihr könnt diese und weitere Reportagen aus den 20er Jahren unter dem Titel - 'New Yorck' - auch in Bibliotheken ausleihen aber auch kaufen) - als HTM - als Word - als PDF.

Die Erzählung (gekürzte Fassung) - 'Die gelbe Tapete' - von Charlotte Perkins Gilman (Ihr könnt diese und weitere Erzählungen der frühen feministischen Autorin des 19ten Jahrhunderts auch in Bibliotheken ausleihen aber auch kaufen. Am bekanntesten ist ihr Buch - 'Herland' -, eine frühe feministische Utopie.) - als HTM - als Word - als PDF.

Als aktuellen Bezug haben wir außerdem auf der Veranstaltung zwei Texte zur rassistischen Gewalt durch ÄztInnen im Kontext von Brechmitteleinsätzen in Bremen und Hamburg im Zusammenhang insbesondere des Textes von Djuna Barnes diskutiert. Die zwei kurzen Texte dokumentieren, wie Menschen durch MedizinerInnen, die als ZuarbeiterInnen des Staates agieren, auch heute 2001 und 2004, zu Tode gebracht werden.

Tötung durch Brechmitteleinsatz - Hamburg 2001 - als HTM - als Word - als PDF.

Tod durch Brechmitteleinsatz - Bremen 2004 - als HTM - als Word - als PDF.


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Bevölkerungspolitik und Feminismus, eine Kritik aktueller politischer Ansätze durch Susanne Schultz


Susanne Schultz befasst sich schon seit über 10 Jahren als feministische Wissenschaftlerin mit den Modernisierungen bevölkerungspolitischer Diskurse und der bevölkerungspolitischen Praxis. So haben sich ein Teil weltweit agierender feministischer NGO seit der Weltbevölkerungskonferenz in Kairo auf eine Zusammenarbeit mit dem bevölkerungspolitischem Establishment eingelassen. Andere feministische Organisationen vor Ort sehen wiederum keinen Grund zu weniger Misstrauen gegenüber der im bevölkerungspolitischen Denken angelegten Fremdbestimmung.


Bildzitat - DSW-Kampange für Bevölkerungspolitik

In Deutschland ist die führende Institution einer 'neuen' Bevölkerungspolitik die DSW - - http://irrliche.org/politische_kritik/deutsche_stiftung_weltbevoelkerung.htm - Text zur Kritik der DSW-Politik -

Susanne Schultz selbst schrieb bereits vor zehn Jahren zu diesen Fragen:
„Auf jeden Fall sind politische Strategien und Handlungsspielräume von Frauen innerhalb der Reproduktionsweisen nicht mit einer bevölkerungspolitischen Verantwortung von Frauen zu verwechseln. Der Mangel an feministischer Auseinandersetzung mit den Prämissen von Bevölkerungspolitik und ihre unklare, neutrale Bestimmung als Politik, die sich auf die Reproduktionsweise richtet, verleitet zu solchen Trugschlüssen. Es wird damit nahegelegt, zwischen einer guten, demokratischen, weil in die Verantwortung der Staatsbürgerinnen hineinverlegten und insofern selbstbestimmten, Bevölkerungspolitik und einer schlechten, weil autoritären und auf Zwangsmaßnahmen beruhenden, unterscheiden zu können. Der tendenzielle Übergang von Zwangsmaßnahmen zu konsensuellen und integrativen Konzepten hat jedoch bislang nichts an den Zielen von Bevölkerungspolitik als Machtstrategie des modernen Staates geändert, der Bevölkerung zur Variablen erklärt, um sie zu regulieren und ihre Reproduktion zu kontrollieren.“
Wir sehen die Bevölkerungspolitik als Teil der Biopolitik des Staates, die nicht unwesentlich durch die Medizin und medizinischen Institutionen vermittelt wird. Als solche ist sie eine Machtpolitik, die ncht nur auf das subjekt, die frau, gerichtet ist, sondern das Selbstverständnis der frauen von sich selbst mit bestimmt.
In ihrem Vortrag ist Susanne Schultz auf diese Fragen im Kontext aktueller Entwicklung Auseinandersetzungen eingegangen. Ihr findet im folgenden zwei aktuelle und einen älteren Text von ihr.

Im Text - 'Von der Regierung reproduktiver Risiken. Gender und die Medikalisierung internationaler Bevölkerungspolitik' - stellt Susanne Schultz dar wie die modernen Bevölkerungspolitik zunehmend auf die Führung durch Selbstführung, also auf das Subjekt - die Frau und ihre Selbstwahrnehmung - gerichtet ist. Der Zugang erfolgt dabei über die Medikalisierung der Schwangerschaft und Risikodiskurse. Diese Risikodiskurse bauen nicht nur auf biologistischen Argumentationen sondern auch auf entpolitisierten sozialen Argumentationen auf.
Der Text als - als HTM - als Word - als PDF.

Der Text - 'Neoliberale Transformationen internationaler Bevölkerungspolitik: Die Politik Post-Kairo aus der Perspektive der Gouvernementalität' - diskutiert die Bedeutung der Modernisierung der bevölkerungspolitischen Diskurse für unterschiedliche AkteurInnen und die unterschiedlichen Zielgruppen bevölkerungspolitischer Programme. Susanne Schultz arbeitet so heraus, daß unterschiedliche soziale Gruppen mit unterschiedlichen politischen Strategien angegangen werden, die aber fast alle den Begriff der Selbstbestimmung stark verkürzen oder in sein Gegenteil wenden. "Selbstbestimmtes freies Handeln" wird definiert als vernünftiges entsprechend dem, den bevölkerungspolitisch Vorgaben folgenden, medizinischen Risikodiskurs.
Der Text als - als HTM - als Word - als PDF.

Einen älteren Text von Susanne Schultz - 'Feministische Bevölkerungspolitik? Zur internationalen Debatte um Selbstbestimmung' - findet Ihr in dem im Netz publizierten Buch - 'Gender Killer' - unter: - http://www.nadir.org/nadir/archiv/Feminismus/GenderKiller/gender_2.html -


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‚Dual Use’? High Tech für militärische und zivile Nutzungen in Medizin und Kunst, Texte zum militärisch medizinischen Komplex


Claudia Reiche arbeitet als Künstlerin und Wissenschaftlerin unter anderen kritisch zum Projekt des ‚Visible Human’, der virtuellen Darstellung eines Opfers der Todesstrafe, der in millimeterdünne Scheiben geschnitten wurde, um ihn einzuscannen (- http://www.nlm.nih.gov/research/visible/visible_gallery.html -). Sie hat in ihrem Vortrag die Zusammenhänge des militärisch-medizinischen-Komplexes dargestellt.


Visible Human

Sie selbst schreibt zu ihrem Vortrag:
„Technologieentwicklungen, die militärisch und zivil anwendbar sind, werden im Englischen als 'dual use technologies' bezeichnet. So genannter doppelter Nutzen wird insbesondere von dem US amerikanischen Verteidigungsministerium bescheinigt und festgestellt, wenn Forschungs- und Entwicklungsprojekte in die so überschriebenen Förderprogramme aufgenommen werden. Diese Dual Use Programme sind für neue Firmen besonders in Bio- und Kommunikationstechnologie oft unverzichtbare Existenzgründungsbasis.
Dass dadurch vorrangig militärische Zwecke die Forschung und Entwicklung leiten, wird allzu selten kritisch gesehen, wenn gängigerweise dies Erfolgsmodell für wirtschaftlichen und technologischen Fortschritt zum Beispiel anhand neuer Heilmethoden als 'für den Menschen' dargestellt wird. Hier eine andere Perspektive einzunehmen und die enge, jedoch oft nicht bewusste Verzahnung von Militär, Medizin, Unterhaltungsindustrie und Kunst in den Fokus zu nehmen, probiert dieser Vortrag anhand von Fallbeispielen aus den genannten Anwendungsbereichen. Eröffnen sich durch Anerkennung des Militärischen als Matrix neue Perspektiven?“


Der Text - '‚Dual Use’? High Tech für militärische und zivile Nutzungen in Medizin und Kunst' - von Claudia Reiche fragt nach den Konsequenzen des ‚Dual Use’-Konzeptes für Medizin und Kunst am konkreten Beispiel aktueller Forschungsselbstdarstellungen der DARPA.
Der Text als - als HTM - als Word - als PDF.

In einem älteren Text verknüpft Claudia Reiche an Hand der Darstellung der Diskurse auf militärisch-medizinischen Konferenzen in San Diego den militärisch-medizinischen Diskurs mit dem ‚Visible Human’-Projekt. Und diskutiert in welcher Form diese virtuelle Hyperrealität auf das Reale zurückwirkt. Den Text findet Ihr unter: - http://www.obn.org/reading_room/writings/html/biorev_d.html -
und weitere Publikationen von Ihr unter: - http://www.obn.org/reading_room/writings/html/works.html -


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Der Blick der Norm auf "Behinderung" als Abweichung und die Angst und die Gewalt der "Normalen", einige Anmerkungen zum Film; Der Pannwitzblick (Didi Danquart - Deutschland 1991 - 90 min)


Der ausgrenzende Blick auf "Behinderte/KrüpellInnen" ist nach wie vor in langer Kontinuität, die bis in 19te Jahrhundert zurückreicht wirksam. Dabei ist dieser Blick der Normierung und gewalttätigen "Auslese" nicht vom wissenschaftlichen Blick und dem medizinischen Konzepten von Norm und Gesundheit trennbar.
Der Film stellt den Blick der Norm auf Behinderte aus, als das was er ist, Gewalt.


Filmausschnitt

Aus der Filmbeschreibung:
„Ausgangspunkt des Films ist eine Notiz des italienischen Schriftstellers Primo Levi, der darin seine Begegnung mit dem deutschen KZ-Arzt Pannwitz beschreibt, der ihm, dem Auschwitz-Insassen, vom Schreibtisch aus den Tod verordnete, und dessen Blick Levi Zeit seines Lebens wie ein Symbol des Grauens verfolgen sollte: "Könnte ich aber bis ins letzte die Eigenart jenes Blicks erklären, der, wie durch die Glaswand eines Aquariums, zwischen zwei Lebewesen getauscht wurde, die verschiedene Elemente bewohnten, so hätte ich damit auch das Wesen des großen Wahnsinns des Dritten Reiches erklärt." Der Pannwitzblick folgt diesem Gedanken und versucht, Analogien in der Gegenwart aufzuzeigen und Kontinuitäten zu beschreiben; eine Forschungsreise, deren erste Station Nazi-Propagandafilme der 30er Jahre sind: Ausschnitte aus populär-wissenschaftlichen Dokumentationen des "Rassenpolitischen Amts" der NSDAP ("Das Erbe") und melodramatisch zugespitzten Spielfilmen ("Ich klage an"), die vor ideologischer Zielrichtung förmlich bersten, und in denen der Umgang mit den "Erbkranken" und die Frage nach der "reinen Rasse" verhandelt werden. Später sieht man Bilder einer Werbe-Dokumentation für Armprothesen, die am Beispiel eines Contergan-geschädigten Mädchens demonstriert werden; die legendären ersten Körpervermessungen Edward Muybridges und ein Video-Dokument der "Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben". Die historische "found footage" wird konfrontiert mit Porträts zweier Spastiker und einer Contergan-Behinderten, deren filmische Präsentation die üblichen Klischees des Behinderten-Reports unterläuft.“
(Verleihinformationen zum Film unter: - http://www.medienwerkstatt-wien.at/files/titles/pannwitzblick.htm -)

Wir können Euch nur empfehlen Euch selbst diesen Film zu besorgen und anzuschauen. Hier nur noch ein sehr interessanter ergänzender Artikel zum Film und zur darin dargestellten Gewalt: - http://www.nadir.org/nadir/periodika/tatblatt/104pannwitzblick.htm -


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Medizinalisierung des Politischen, Thesen zur Funktion von Opferdiskursen


Jörg Djuren arbeitet seit ca. 15 Jahren zum Thema sexistischer Gewaltverhältnisse. Schwerpunkt war dabei für ihn immer wieder die Auseinandersetzung mit der Ausblendung der sexistischen Norm/Normalität dieser Gesellschaft als Grundursache dieser Gewalt und der Versuch ihrer Thematisierung. Sein Beitrag wurde von ihm wie folgt angekündigt:
„Ich stoße schon seit vielen Jahren immer mal wieder auf das Thema der Entpolitisierung gesellschaftlicher Gewaltverhältnisse durch Medizinalisierung und Therapheutisierung. Primär kannte ich dieses Thema aus feministischen Diskussionen (z.B.: beiträge zur feministischen theorie und praxis 18/1986 – Neue Heimat Therapie -). Da 2001 aber eine sehr nahe Freundin hier in Berlin in einem so genannten ‚Beziehungsdelikt’ ermordet wurde (Brankica Bečejac, s.u.), habe ich in diesem Zusammenhang dann die Theorie leider praktisch erlebt, dass heißt wie Medien, Kriminalpolizei, u.a. einen solchen ‚Fall’ abarbeiten.
Trotz der nun schon mehr als 20 Jahre währenden Diskussion über diese Form diskursiver Machtausübung scheinen bis heute die Mechanismen für die meisten nicht durchsichtig zu sein.
Z.B. der Sinn kriminalpolizeilicher Ermittlungen, der in einem solchen ‚Fall’, wo Täter und Tatablauf klar sind, und dies ist in den meisten Mordfällen die Regel, vor allem in der Rekonstruktion gesellschaftlicher Normalität besteht. D.h. primäres Ziel der Ermittlungen ist die konstruktive Entfernung des Täters oder bei so genannten ‚Beziehungsdelikten’ von Täter und Opfer aus der gesellschaftlichen Normalität. Es geht also um die Konstruktion von Täter und Opfer als psychosozial defizitär. Primäres Ziel der Ermittlung ist also die Vertuschung der Normalität sexistischer Gewalt um eben sicherzustellen, dass diese Normalität durch die Tat nicht in Frage gestellt wird. Für die Ausgrenzung von Täter und Opfer wird dabei vor allem auf medizinische Praxen der Ausgrenzung des Kranken, des Anderen, des Defizitären, zurückgegriffen.
Ich würde behaupten, dass auch im Mainstream der Kriminalliteratur und im Film dieses Moment der Ausgrenzung des Täters/der Täterin und der Rekonstruktion von Normalität, und d.h., gerade die Ausblendung der in der gesellschaftlichen Norm verankerten Gewaltverhältnisse, ein wesentlicher Zweck ist.“


Der Text - 'Die Heile-Welt der MedizinerInnen und KriminologInnen' - von Jörg Djuren stellt einige Thesen zur Funktion der Entpolitisierung von Gewaltverhältnisen und der Ausblendung der gesellschaftlichen Ursachen zur Diskussion.
Der Text als - als HTM - als Word - als PDF.

Einen älteren Text von Jörg Djuren zum Mord an der Autorin Brankica Bečejac findet Ihr unter: - http://irrliche.org/politische_kritik/brankica_becejac_mord.htm -.

Die feministische Autorin Brankica Bečejac wurde am 14.6.01 in Berlin ermordet. Die wichtigsten Ihrer Texte erscheinen in 2006 im Nautilus Verlag. Journalistische Texte von Ihr sind im Netz bei der Wochenzeitung Freitag zu finden, z.B.: - http://www.freitag.de/2000/37/00370501.htm -.

Einen Text, der das Thema der Entpolitisierung durch den psychologisierenden Diskurs unter der Fragestellung des Umgangs mit sexueller Gewalt gegen Kinder behandelt, von einem anonymen Autor, findet Ihr unter: - http://irrliche.org/kindesmissbrauch/opfer.htm -.

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Weitere Texte zur Medizinkritik findet Ihr unter den Literaturhinweisen auf dieser Netzseite. Insbesondere könnt Ihr dort auch einige sehr interessante Texte zur Kritik des HIV / AIDS - Diskurses finden.




Eine Veranstaltungreihe des - AK-ANNA -

Anmerkung zum Thema Medizin & Medizinkritik, zum Zusammenhang von Medizin, Norm und Kritik der Norm

















Zuletzt aktualisiert 30.10.09

Webmistress

























Medizin & Medizinkritik, zum Zusammenhang von Medizin, Norm und Kritik der Norm

Wieso erscheint es überhaupt sinnvoll sich mit Medizin, Medizinkritik, und Kritik der Normierung zu befassen?
Was bestimmt den Zusammenhang von Medizin, Medizinkritik und Norm?
Wie entstehen Normen in der Medizin und was sagt dazu die Kritik der Medizin?
Nach welchen Kriterien werden in der Medizin Normen festgelegt und wie werden medizinische Normen zu gesellschaftlichen Normen, wie geht die Medizinkritik damit um und um welche Kritik geht es auf diesen Netzseiten zu Medizin, Kritik, Norm?

Die Medizin legt vielfältige Normen fest, die unser alltägliches Leben durchdringen und die für die Kritik gesellschaftlicher Gewaltverhältnisse nicht zu vernachlässigen sind.
Medizin bestimmt z.B. die Norm - Geschlecht - nicht unwesentlich. Die Kritik der Geschlechtsnorm muß insofern immer auch Medizinkritik beinhalten.
Medizin bestimmt z.B. auch nicht unbeträchtlich die sexuellen Normen, die Norm der 'richtigen' Sexualität. Eine antisexistische Theorie und Praxis muß damit eine Kritik der Medizin und der medizinischen sexuellen Norm beinhalten.
Medizin bestimmt über die Norm krank bzw. gesund wesentlich mit über gesellschaftliche Chancen von Menschen. Gerade im Kontext der Neuerfindung von Krankheiten in der Gendiagnostik kommt der Medizin die Aufgabe zu, neue soziale Normen der Selektion von Menschen durchzusetzen. Die Kritik an dieser Normsetzungspraxis, die Kritik an der Genetik, ist leider immer noch nicht radikal genug. Die Kritik von Medizin und Norm ist selbst in diesen Bereich zu sehr vom falschen Respekt vor sich selbst beweihräuchernden MedizinerInnen bestimmt.
Medizin bestimmt mit neuen Krankheitserfindungen auch die Norm der normalen Unterodnungsbereitschaft. Mit neuen 'Krankheiten' wie Defizitaufmerksamkeitssyndrom, wird die Renitenz gegen Disziplinarstrukturen zur kranken Abweichung erklärt, anstatt die gewalttätigen menschenverachtenden Strukturen des modernen Schulsystems mit seiner 'Leistungs'verdichtung und Hyperkontrolle oder das zerstörerische Potential von Medien- und Computertechnologie anzugreifen.
Die Kritik an der Medizin und ihren Normen muß fester Bestandteil linker Analyse werden, um zentrale moderne Repressionspraxen nicht zu übersehen. Medizin ist neben Schule, Polizei, Militär und Justiz die fünfte Säule totalitärer Institutionen, die Herrschaft und Staat absichern. Dies ist nur durch die Aufnahme des Zusammenhangs von Medizin, Norm und Kritik zu erfassen.

Die Medizin tut so, als würden medizinische Normen quasi objektiv aus der Empirie entstehen, eine Kritik unter politischen Gesichtspunkten wird abgewiesen als unsinnig. Wissenschaftshistorisch ist aber vielfältig die Ausführung medizinischer Normen entlang herrschaftsstrukturierender Vorurteile, insbesondere Sexismus, nachgewiesen worden. Deutlich wird dies an medizinischen Normen, die auf Grund der Kritik heute als absurd gelten, z.B. an Hand des im sexistischen Blick der Ärzte konzipierten Zusammenhangs von Weiblichkeit, Wahnsinn und Gebärmutter.

Aber auch in der aktuellen wissenschaftskritischen Literatur werden vielfältige institutionelle, soziale und politische Interesseneinwirkungen auf die Konstitution medizinischer Normen nachgewiesen. So führt die Wissenschaftssoziologin Susan Leigh Star in einer empirischen Studie zur medizinischen Normsetzung, im Kontext der Abrechnungsmodalitäten für Krankenschwestern in den USA, die Vielfalt der Einflüsse auf die, damit einhergehende, medizinische Praxis und die medizinischen Normen aus. Kritik der Normsetzung in der Medizin sollte an solche wissenschaftlichen Arbeiten anschließen.

Aus anarchistischer Sicht sind Praxen der Normsetzung, durch die MedizinerInnen anderen Menschen vorzuschreiben versuchen, was diese sind, z.B. ihr Geschlecht oder, ob sie krank / gesund sind, natürlich grundsätzlich abzulehnen.


J.Djuren
Hannover 2008






Und noch ein paar Links, was so im Netz zu finden ist zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm;

Unter - 1. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 2. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 3. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 4. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 5. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik - und - 6. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik - findet Ihr Texte und Infos zur Medizinkritik, die hier ausdrücklich als interessant uns lesenswert herausgestellt werden sollen.

- Unter - 7. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 8. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 9. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 10. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 11. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 12. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 13. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 14. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 15. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 16. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 17. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 18. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 19. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 20. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 21. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 22. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 23. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 24. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 25. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik - und - 26. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik - findet Ihr medizinkritische Texte und Infos. Hier finden sich sowohl fragwürdige und problematisch populistische Kritik, teils mit Verkaufsinteressen der ‚alternativen' Heilungsmethoden gekoppelt, religiöse Ethikdebatten, als auch Analysen und Hintergrundberichte und kritische Diskussionen bzw. Texte über alternative Ansätze.

- Unter - 27. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik - und - 28. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik - findet Ihr Texte und Infos die sich mit der Kritik der Kritik der Medizin und dem Umfeld befassen, auch die Qualität dieser Texte kann hier nicht beurteilt werden.

- Unter - 29. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 30. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 31. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 32. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 33. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 34. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 35. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 36. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - " target="_blank" title="Externer Link, eine inhaltliche Verantwortung wird nicht übernommen!">36. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 37. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 38. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 39. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik - und - 40. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik - findet Ihr teils gute teils schlechte Texte und Infos zum Umfeld der Auseinandersetzung mit Medizin, ihrer Kritik und der Auseinandersetzung mit den medizinischen Institutionen.

- Unter - 41. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 42. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 43. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 44. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 45. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 46. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 47. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 48. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 49. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 50. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik -, - 51. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik - und - 52. Link zu den Stichworten Medizin, Kritik & Norm / Medizinkritik - findet Ihr Texte und Infos die sich mit dem Zusammenhang Medizin, Norm, Normierung und ihrer Kritik auseinandersetzen


















Medizin Kritik Norm. Dokumentation der Veranstaltungsreihe Der Neue Mensch und Texte - Veranstaltungsreihe des AK-ANNA - Berlin - zur Kritik der Medizin im Kontext von Normierung, Machtpolitik und Subjekt. Stichworte: Medizinkritik, Militarismus und Medizin, Bevölkerungspolitik, Behinderung und Ausschluß, antifeministische Gewalt und Entpolitisierung








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