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- Der Neue Mensch -




Der folgende Text 'Kennen Sie Zwangsernährung?' ist ein Auszug aus dem Buch 'New York' mit Reportagen von Djuna Barnes , daß wir hier nur insgesamt empfehlen können.

Djuna Barnes war Schriftstellerin und Journalistin. Sie ist für ihre Reportagen an die eigenen Grenzen gegangen. Die im Buch 'New York' gesammelten Geschichten und Reportagen, geschrieben zwischen 1911 und 1918 für verschiedene New Yorker Zeitschriften und Magazine, sind literarischer Journalismus, dem subjektive Perspektive und literarische Sprache wichtig sind, aus dem Begreifen heraus, daß nur so die Fakten begreifbar werden.
Djuna Barnes beschreibt New York, Chinatown und die Bowery; eine Bootsfahrt rund um Manhattan, einen Heimklub für Dienstmädchen, einen Schulungskurs für Frauenrechtlerinnen und 'Veteranen im Geschirr'. Sie interviewt eine Polizistin, die für 'gefallene' Mädchen zuständig ist, und die Gorilladame Dinah im New Yorker Zoo. Und sie setzt sich selbst den Strapazen einer Zwangsernährung aus. Um über diese Form medizinischer Gewalt aus eigener Erfahrung berichten zu können.
Diesen Text haben wir im folgenden als Auszug dargestellt, da er auch Grundlage unserer Diskussion im Rahmen der Veranstaltungsreihe 'Der neue Mensch' war. Es gibt viele weitere spannende Texte von Djuna Barnes in diesem Buch und in ihrem literarischen Werk.

Djuna Barnes war "nicht nur" eine hochinteressante Journalistin sondern auch eine brilliante Literatin und später Mittelpunkt der Pariser literarischen und lesbischen Szene der späten 20er und frühen 30er Jahre. Eine andere vielleicht noch bekanntere Autorin dieses Kreises war Gertrude Stein.
Der Film 'Paris was a women' stellt diese Zeit dar.


New York
Broschiert - Rowohlt Tb.
Erscheinungsdatum: 2002
ISBN: 3499230925


Weitere Informationen: http://www.rowohlt.de/magazin/Djuna_Barnes_New_York.25255.html








Djuna Barnes



Kennen Sie Zwangsernährung?



Bei ihrem Bemühen, das Wahlrecht zu erlangen, begingen britische Frauen hundertfach Akte zivilen Ungehorsams. Als sie jedoch feststellen mußten, daß ihre Gefängnisaufenthalte kaum Auswirkungen auf die Regierungspolitik hatten, gingen sie während ihrer Haft zur Taktik des Hungerstreiks über. Viele wurden krank, und das Innenministerium, das den Häftlingen die Popularität des Märtyrertums nicht gönnen wollte, ordnete an, daß Hungerstreikende von Gefängnisbeamten zwangsernährt werden sollten.
Es ist schwer zu sagen, wie viele dieser Frauen an den Auswirkungen der Zwangsernährung starben, da sie ganz allgemein eine Verschlechterung des Gesundheitszustands bewirkte. Als Miss Lillian Lenton, die unter Anklage stand, das Teehaus in Kew Gardens niedergebrannt zu haben, sich eine Pleuritis und eine Lungenentzündung zuzog, führte ihr Arzt ihre Erkrankung unmittelbar auf die Zwangsernährung zurück. Als die Auswirkungen der Zwangsernährung ihre lebensrettende Absicht zu vereiteln begannen, verlegte die Regierung sich auf die Politik, geschwächte Gefangene zu entlassen, damit sie sich zu Hause erholen konnten, und sie dann erneut zu verhaften.
Die Methode der Zwangsernährung, wie sie in Großbritannien angewendet wurde, unterschied sich etwas von der, der sich Djuna Barnes freiwillig unterzog und die sie hier schildert. In Großbritannien wurde ein stählernes Mundstück verwendet, mit dessen Hilfe man einen Schlauch zwischen den Zähnen einführen konnte; auf diese Weise beschädigte man Zähne und Kiefer ebenso wie die Gurgel. Manche Frauen, die dieser Tortur nicht lange standzuhalten vermochten, aßen das übliche Essen und liefen dann bis zur Erschöpfung in der Zelle auf und ab oder warfen sich gegen die Zellenwände, bis sie das Bewußtsein verloren.



Ich bin zwangernährt worden!
In welchem Verhältnis zu den anderen Erfahrungen meines Lebens diese steht? Für mich war sie ein Experiment. Sie war nur in meiner Einbildung tragisch. doch war sie mit Empfindungen verbunden, die schmerzhaft genug waren, um Verständnis für bestimmte Phänomene unsrer Tage abzunötigen.

Der Saal, durch den sie mich führten, war lang und schwach beleuchtet. Ich konnte den Arzt vor mir hergeben hören, der so ging, wie alle Ärzte gehen, mit jenem zuversichtlichen kurzen Schritt, wie ihn Pferde haben müssen, die von einer Beerdigung zurückkehren. Das ist kein trauriger oder kummervoller Schritt; vielleicht deutet er unterdrückte Genugtuung an.

Hin und wieder wandte einer der vier Männer, die folgten, den Kopf und sah mich an; eine Frau an der Treppe starrte verwundert - oder war es verächtlich? -, als ich vorbeikam.

Sie brachten mich in ein großes Zimmer. Ein Tisch funkelte vor mir. Für mein Gefühl war er befrachtet mit kommenden Qualen - das war der Tisch, auf den ich mich legen mußte.

Der Arzt öffnete seine Tasche und nahm einen schweren weißen Mantel heraus, eine kleine weiße Kappe, ein Laken und legte alles zusammen auf den Tisch.

Draußen tönte, zusammenhängend und dann doch wieder nicht, schwach ein tiefes, einförmiges Summen über die Stadt hinweg - das Lied von einer Million Maschinen, die ihr Scherflein zum universalen Ganzen beitrugen. Und dies Murmeln war vital und verwirrend, denn das, was mir bevorstand, kannte kein Lied.

Ich werde es strikt professionell handhaben, versicherte ich mir selbst. Falls es eine Höllenstrafe sein sollte, dann doch eine, die meinem Geschlecht heutzutage vertraut ist; andere Frauen haben sie in der Wirklichkeit durchlitten. Ich werde doch noch soviel Mumm haben wie meine englischen Schwestern - Ich beruhigte mich. Das dachte ich jedenfalls, und ich erblickte mein Gesicht im Spiegel. Es war ganz weiß, und ich schluckte krampfhaft.

Und dann wußte ich, meine Seele stand entsetzt vor einem Stück rotem Gummischlauch.

Der Arzt sagte: "Helfen Sie ihr auf den Tisch."

Er knotete sich dünne, gedrehte Schnüre um den Arm; er testete seine Instrumente. Er nahm das herunterhängende Ende des Lakens und begann, mich zu fesseln: er wickelte es mehrfach um mich herum, wobei meine Arme fest an beide Seiten gepreßt waren, wickelte es mir bis hinauf an die Kehle, so daß ich mich nicht bewegen konnte. Ich lag ausgestreckt wie ein Leichnam - gleichförmige, festumrissene Linien, die weiter reichten, als ich zu sehen vermochte, denn ich sah nur das Lieht des Himmels. Meine Blicke wanderten, Ausgestoßene in einer Welt, die sie kannten.

Es war der gedrängteste Augenblick meines Lebens.

Drei der Männer traten zu mir. Der vierte stand ein Stück entfernt und blickte auf die langsam vorwärtskriechenden Zeiger einer Armbanduhr. Die drei hielten mich fest, nicht grob, aber ohne jegliches Mitgefühl, der eine am Kopf, der zweite an den Füßen, und der dritte reckte sich über mich und hielt meine Hände nieder.

Sämtliche Probleme des Lebens waren nun auf einen einzigen schlichten Akt reduziert - zu schlucken oder zu ersticken. Während ich in passiver Auflehnung dalag, ging mir ein komischer Gedanke durch meinen heimgesuchten Kopf: Dies hier ist jedenfalls mal ein Bild, das niemals Eingang ins Familienalbum finden wird.

Ach, diese lächerliche Bangigkeit! - ich redete mir beruhigend zu. Doch wie besessen man von seinen Vorstellungen sein kann! Es ist die Wahrheit, daß die Lichter der Fenster - Weichbilder einer Stadt -, die Wände, die Männer sämtlich zu einer großen Leere verloschen, als der Arzt sich niederbeugte. Dann zerbarst die Dunkelheit plötzlich zu einem Lichtspritzer, als er die Glühbirne vor meinem Gesicht auf und ab und hin und her führte und dazwischen haltmachte und meinen Hals untersuchte, um sicherzugehen, daß ich keinerlei Probleme mit dem Schlucken hatte.

Er sprühte beide Nasenlöcher mit einer Mischung ans Kokain und Desinfektionsmittel ein. Als sie meine Kehle erreichte, brannte und brannte es. Bei dieser Pilgerschaft war kein Fortkommen. Jetzt fügte ich mich drein. Ich war im Tal, und mir schien, ich läge schon Jahre und beobachtete den Krug, als er sich in der Hand des Arztes hob und schwebend verharrte, eine teuflische, inhumane Drohung. Darin war die flüssige Nahrung, die ich bekommen sollte. Es war Milch, doch ich konnte nicht feststellen, was es war, denn alle Dinge sind gleich, wenn sie den Magen durch einen Gummischlauch erreichen.

Er hatte den roten Schlauch mit dein Trichter am Ende durch die Nase in die Passage der Kehle eingeführt. Es ist gänzlich unmöglich zu schildern, welche Angst das erregt.

Die Hände über meinem Kopf schlossen sich wie ein Schraubstock, und wie antwortende Schraubstöcke wurden die Hände an meinen Hüften und an meinen Füßen starr und stramm.

Unerwünschte Visionen absonderlicher, grauenhafter Dinge tanzten wie verrückt durch mein Hirn. Der abscheuliche Gedanke plagte mich, von den Tentakeln irgendeines monströsen Teufelsfisches in den Tiefen eines tropischen Meeres gepackt zu sein, während die Flüssigkeit sich langsam durch ungezählte, endlose Kanäle ihren Weg ertastete, die meine Nase, meine Ohren, die inneren Windungen meines pochenden Kopfes zu durchschneiden schienen. Nie gespürte Nerven sandten zuckende Schmerzwellen aus, die den Bereich meines Gesichts und meiner Brust erschütterten. Sie ätzten an meiner Wirbelsäule entlang. Sie versetzten mein Herz in katapultische Auf? und Abbewegungen.

Ein Augenblick von der Dauer einer Stunde, und die Flüssigkeit hatte meine Kehle erreicht. Sie war eiskalt, und ein ebenso kalter Schweiß brach auf meiner Stirn aus.

Immer noch keilte mein Herz aus mit der unregelmäßigen, sinnlosen Bewegung, wie sie vom Spiegel reflektiertes Sonnenlicht an eine Wand wirft. Ein dumpfer Schmerz machte sich bemerkbar und verbreitete sich von den Schultern in den ganzen Bereich des Rückens und durch die Brust.

Meine Magengrube war schon längst zusammengesunken, hatte sich zu absoluter Leere aufgelöst. Die Dinge um mich herum begannen, sich lethargisch zu bewegen; das elektrische Licht links von mir machte ein, zwei schwere Schritte auf die Uhr zu, die ihm mit schleichender Langsamkeit entgegenkam. Die Fenster konnten nicht ruhig bleiben. Auch ich löste mich los und bewegte mich in dem Maße, wie das Zimmer es tat. Die Augen des Arztes waren immer genau vor mir. Und da wurde mir klar, daß ich gleich ohnmächtig werden würde. Ich wehrte mich gegen die Kapitulation. Es war die flüchtige Auflehnung des Alptraums. Meine absolute Hilflosigkeit war eine Qual. Ich war mir nur meines Kopfes, meiner Füße und der Stelle in Hüftnähe bewußt, wo jemand mich festhielt.

Immer noch sickerte die Flüssigkeit unaufhaltsam durch den Schlauch in meine Kehle hinab. Jeder Tropfen schien ein Viertelliter zu sein, und jeder Viertelliter glitt vorbei und dann hinein ins All. Ich war zu einem bloßen physischen Mechanismus geworden, ohne die Macht, der Schmach, die meinem Willen angetan wurde, entgegenzutreten oder mich auch nur zu empören.

Der Geist wurde von der körperlichen Schwäche im Stich gelassen. Und da ist er - der empörte Wille. Wenn ich schon, beim bloßen So-tun-als-ob, mein ganzes Inneres vor Auflehnung gegen diese brutale Knechtung meiner eigenen Funktionen glühen fühlte, wie müssen nicht erst sie, die diese Marter wirklich in ihrem nacktesten Grauen durchlitten, bei dieser Vergewaltigung der Heiligtümer ihrer Seele geglüht haben!

In meiner Hysterie hatte ich die Vision von hundert Frauen in garstigen Gefängniskrankenhäusern, gebunden und in Leichentücher gewickelt, auf Tischen gerade so wie diesem, niedergehalten vom unsanften Griff gefühlloser Wärter, während weißgewandete Ärzte ihnen Gummischläuche in die zarten Windungen ihrer Nasenlöcher stießen, um ihren hilflosen Leibern den kruden Nährstoff gewaltsam einzutrichtern, der das Leben erhalten sollte, das sie sich zu opfern sehnten.

Die Wissenschaft hatte uns also endlich des Rechts zu sterben beraubt.

Immer noch sickerte die Flüssigkeit unaufhaltsam durch den Schlauch in meine Kehle.

War mein Körper so untüchtig, fragte ich mich, um auf jeden weiteren Kampf zu verzichten? War der Wille so ohnmächtig, daß es ihm nicht zu Gebote stand, jenen engen Durchlaß zum Lebensreservoir zu sperren, so daß der verhaßte Zufluß gedämmt wurde? Der Gedanke funkte einen trotzigen Befehl in Richtung der untätigen Muskeln. Sie packten meine Gurgel mit würgenden Fesseln. Rätselhafte Schauder ließen meinen Körper erheben.

"Passen Sie auf - sonst ersticken Sie!", rief der Arzt mir ins Ohr.

Man konnte also immerhin noch ersticken. Zumindest, wenn die Nerven einen nicht im Stich ließen.

Und wenn man darauf bestand zu ersticken - was dann - Würden sie die rohen Wärter und dienstbeflissenen Ärzte - ungerührt fortfahren, selbst wenn ein grausamer Tod zum Greifen nah war?

Was für ein Paradox: Jene weißen Kittel, die im Dienst der Lebensverlängerung angelegt worden waren, wären dann nichts anderes mehr als Leichentücher, die leinene Hülle, die das aufbegehrende Opfer einzwängte, ein Totenhemd.

Grenzen müssen doch wohl auch der Dienstbeflissenheit jener gesetzt sein, die streng über der Einhaltung des Gesetzes wachen. Wenigstens habe ich noch niemals von einer Militanten gehört, die durch den Erstickungstod in die Ewigkeit einging.

Es war vorbei. Ich stand auf und schwankte im wiederkehrenden Licht. Ich hatte die ungeheuerlichste Erfahrung der Kühnsten meines Geschlechts geteilt. Die Pein und die Schmach dieser Erfahrung brannten in meiner Seele. Eine trostlose, gestaltlose, wortlose Wut stieg mir die Kehle empor, doch ich lächelte nur. Der Arzt hatte das Tuch wieder vom Gesicht genommen. Der rote Schnurrbart war zu einer Linie freundlichen Verständnisses verzogen. Er hatte alles vergessen, bis auf das Spiel. Die vier Männer, die ihre untergeordneten Rollen in einer untergeordneten Tragödie zu Ende gespielt hatten, verließen bereits einer nach dem anderen das Zimmer.

"Gibt es denn keine andere Möglichkeit, einen Menschen zu fesseln?", fragte ich, "so ist das ja wie..." "Ja, ich weiß", sagte er freundlich.

NEW YORK WORLD MAGAZINE, 6. SEPTEMBER 1914





Djuna Barnes, die 1892 in Cornwall-on-Hudson geboren wurde, begann ihre literarische Karriere als Journalistin für amerikanische Tageszeitungen. In den zwanziger Jahren ging sie als Korrespondentin nach Europa. Sie lebte lange in Paris und war begehrter Mittelpunkt literarischer und künstlerischer Zirkel.
Ende der dreißiger Jahre kehrte sie nach New York zurück, wo Sie 1982 starb.
Im Fischer Taschenbuch Verlag sind von der Autorin außerdem der Erzählungsband 'Leidenschaft' (Bd. 10:338) und 'Ladies Almanach' (Bd. 10337) erschienen.



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Zuletzt aktualisiert 30.05.10



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Zwangsernährung Sufragetten. 'KENNEN SIE ZWANGSERNÄHRUNG?', ein Artikel von Djuna Barnes über die medizinische Gewalt gegen die Sufragetten. Stichworte: Zwangsernährung Ärzte Arzt Gewalt Sufragetten Hungerstreik Feminismus England USA Medizin Macht Staat antifeministische Gewalt


























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