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- Der Neue Mensch -




Kate Millett, eine der bekanntesten Vertreterinnen der Frauenbewegung, schildert im Buch 'Der Klapsmühlentrip' in klarer und eindringlicher Sprache die Gewalt der psychiatrischen Institutionen, die sich insbesondere gegen Frauen richtet.
Der Medizinisch-Psyciatrische-Komplex spielt für Repression gegen, von der sozialen Norm abweichende, Frauen eine parallele Rolle zum ausuferndem Gefängnissystem bezogen auf Männer.
Kate Millett wurde selbst Opfer dieses Systems und geht aus von ihren eigenen Erfahrungen einer jahrelangen Odyssee durch die Psychiatrie. Kate Millett ist eine der bekanntesten Vertreterinnen der Antipsychiatriebewegung, es lohnt sich das ganze Buch zu lesen.
'Der Klapsmühlentrip' ist eins der wichtigsten Bücher zur Psychiatriekritik. Durch die literarische Aufarbeitung ist es Kate Millett gelungen auch Abläufe, Ängste, Strukturen darzustellen, die in scheinobjektiven Sachtexten im Regelfall rausfallen, obwohl sie einen zentralen Teil der psychiatrischen Gewalt ausmachen.

Leider ist das Buch zur Zeit nicht mehr im normalen Buchhandel erhältlich. Gebrauchte Exemplare bekommt Ihr aber z.B. über das Internet. Vielleicht legt Kiepenheuer & Witsch oder ein anderer Verlag diesen Klasssiker der feministischen Literatur aber auch wieder neu auf.
Es lohnt sich ihn zu kaufen.

Wir haben im folgenden einen Auszug aus dem Buch angefügt, der auch Grundlage unserer Diskussion im Rahmen der Veranstaltungsreihe 'Der neue Mensch' war. Ihr könnt Euch also selbst einen anschaulichen Eindruck verschaffen.


Der Klapsmühlentrip
von Kate Millett
Broschiert - 395 Seiten - Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsdatum: 1993
ISBN: 346202244X









Auszug aus dem Buch 'Der Klappsmühlentripp' von Kate Millett



5



Aber als wir ankommen, ist es eine Kaserne, ein Gefängnis, eine Steinfestung. Eine graue Bastille, erleuchtet von polizeistaatlichen Anstaltslampen. Der Motor läuft, während ein Beamter sich innen umsieht. Es wird mir schwer ums Herz: ein neuerlicher Verrat. Es ist entweder ein Knast oder ein Zuchthaus oder, noch schlimmer, eine echte Irrenanstalt, aus der du nie wieder entkommen wirst. Neunzehntes Jahrhundert, Westirland; sie könnten dich hier aushungern oder prügeln oder ermorden, und du würdest bloß verschwinden. Tritt hier ein, und du bist bei lebendigem Leib begraben. Die Bullen scheinen das beinahe zu begreifen, aber Flehen hat keinen Sinn. Das harte Licht beim steinernen Eingangstor, die graue Einöde der Anstaltsmauern. Die Stille, das Summen des Motors. Die bösartige Absicht des Ortes ist eindeutig; die Details sind noch unklar. Eine Kaserne, ein Gefängnis, das schlimmste Loch, das man sich vorstellen kann. Die verrückte Politik, auf deren Seite diese Männer stehen: Sperren sie hier die Rebellen ein, oder ist es ein Rasthaus für Terroristen, Revolutionäre, gewalttätige Männer, die Grausamkeit, die ich wie einen kalten Luftzug von den Flughafenbesuchern spürte, die vielleicht der IRA angehörten? Aber zu wessen Armee gehören diese hier? Eine Geheimarmee - und das hier ihre Rast- und Freizeitstätte, ihre Anstalt, ihr Hurenhaus? Gibt es hier einen Armagh-Flügel? Werde ich mit Frauen zusammensein, oder werfen sie mich männlichen Hunden vor, Wärtern, die schlimmer sind als meine Polizisten? Als sie mich durch die Türen bringen, bedauere ich schon ihr Verschwinden; wenigstens haben sie mir nichts Böses angetan.

Ich bin wieder steif vor Angst. Schlösser, überall Schlösser. Wenn sich die Tür einmal hinter dir geschlossen hat, bist du geliefert. Und vergitterte Fenster. Hölle und die Ewigkeit, ein Ort der Finsternis. Das Geräusch von Schlüsseln. Und so tun, als wäre es ein Krankenhaus. Eine Krankenschwester, Gott sei Dank, der Anblick einer Frau. Aber hart. Sie will nur deine Tasche und alles an sich nehmen. Ich würde sie nur lieber behalten. Aber wäre es nicht bequemer? Nein, eigentlich nicht. Und wollen Sie sich nur hierhersetzen. Eine Stelle, wo ich mich freiwillig nie hinsetzen würde: zu weit in der Mitte des Raums, zu weit entfernt von der Tür, dem Korridor. Und zu weit entfernt von ihr, der Zeugin dessen, was Er - sie spricht von ihm wie von einem Gott - mir antun könnte. Nach langer Wartezeit und der Erkenntnis, daß er der Herr hier ist, egal, was er ist, vollkommene Kontrolle über mein Leben hat und ich seine Gefangene bin, die alle seine amtlichen Attribute von Staat oder Psychiatrie, die er an sich tragen wird, haßt - kommt er an. Jung, gutaussehend, bärtig. Schmissig. Wien nach Ennis übertragen. Ich sitze immer noch auf dem Stuhl in der Nähe der Tür, meine Handtasche in meinem Schoß - meine letzten Besitztümer: Geld, Zigaretten. Er möchte, daß ich näher komme, mich ihm gegenüber an den Schreibtisch setze. Das Verfahren. Zum Teufel mit Ihrem Verfahren; ich verweigere einfach meine Beteiligung. Wobei ich Punkte verliere, abnormaler wirke. Aber die Klaustrophobie, mein Entsetzen vor der Perspektive, eine Gefangene in einem abgedunkelten Gebäude auf dem platten Land eines Staates zu sein, der für mich jetzt ein fremder Staat ist, verstrickt in Krieg und Unruhen, die ich nicht verstehe, ich weiß nur, daß ich vielleicht nie wieder frei sein werde, hier vielleicht nicht lebend herauskomme - das alles macht es mir unmöglich, mich von der Tür wegzubewegen. Ich blicke ihn an und hasse ihn. Ebenso wie ich ihn fürchte.

Er sieht mich kaum an und sagt in lässigem Ton: "Sie sind high."

Wo ich herkomme, bedeutet high betrunken, und ich habe seit mehreren Tagen nichts getrunken außer einen Tropfen Brandy gestern abend. "Nein", antworte ich, und mir schwindelt vor Angst. Ist Trinken die Anklage? Ist Patricks höllischer Pernod mein Verbrechen? "Sie sind high, na logisch sind Sie das. High wie ein Drachen." Dann erinnere ich mich, was high bedeutet. Nicht normaler Slang, sondern Psychiaterjargon. Manisch. Speedy. Ich erinnere mich, daß Mutters Arzt dieses Wort gebrauchte, eines Tages auf der Wiese an der Uni an einem Sommerabend, weil ich mich geweigert hatte, ihn in seiner Praxis im Krankenhaus zu besuchen, wo man mich hätte einsperren können. Am nächsten Morgen ließ er sie die Papiere unterschreiben, mit denen er mich einweisen konnte. Ja, high - an high erinnere ich mich. "Wie ein Drachen", wiederholt er und läßt das Wort auf der Zunge zergehen. "Nein, aber ich habe Angst", sage ich. "Warum denn?" - "Weil ich von der Polizei hierhergebracht wurde. Ich wurde verhaftet. Obwohl ich kein Verbrechen begangen habe. Obwohl mir nichts vorgeworfen wird. Weil ich nicht weiß, wo ich bin und wann ich hier wieder rauskomme." "Nun, Sie sind hier um Ihres eigenen Wohls willen. Jetzt erklären Sie mir bitte, wie Sie hierhergekommen sind." Es ist absurd, aber was soll's: das Mietauto, den Wagen wechseln, die Nikon-Kamera im Kofferraum. Warten, bis der Kunde, der mein erstes Auto gemietet hat, sie zurückbringt. Patrick. Desmond.

"Warum wollten Sie einen anderen Wagen?" - "Ich hatte das Gefühl, daß meiner sowohl teuer als auch auffallend war." - "Warum auffallend?" Das Hotel. Das Buch über die H-Blocks. Wiederhalte ich nicht dicht, mache alles noch komplizierter mit ihren verdammten politischen Verwicklungen. Wenn sie Stationen für Rebellen und Reaktionäre haben, lande ich wenigstens in der richtigen. jetzt bedrängt er mich mit weiteren Fragen: "Hatten Sie das Gefühl, verfolgt zu werden? " - "Ich hatte das Gefühl, es nicht ausschließen zu können." - "Wer sind Sie, daß man Sie verfolgen könnte?" - "Nur wegen der Unannehmlichkeit im Hotel. Eigentlich wollte ich bloß nach Galway fahren. " - "Warum? " Er ist amüsiert. "Um zu filmen. Ich führe eine Menge Geräte mit - mein Problem scheint gewesen zu sein, daß ich für eine Person allein zu viel Gepäck hatte. Und als ich von Ryan aufgehalten wurde," - vergiß nicht zu erläutern, daß es sich um die Autoverleihfirma handelt - "ist mein Gepäck aufgefallen. Patrick wurde auf mich aufmerksam." Weiß er, wer Patrick ist? "Der Polizeibeamte, der mich verhaftet hat, der Leiter der Flughafensicherheit." Wenn ich von der Polizei verhaftet wurde, warum bin ich dann in einer Irrenanstalt? Sind das nicht unterschiedliche Verwahrungssysteme? "Warum haben Sie aufgehört, Lithium zu nehmen? Uns liegt ein Bericht vor, daß Sie im Juli Ihr Lithium abgesetzt haben."

Erstaunliches internationales System geistiger Polizeiüberwachung. Das weiß er also über mich. Telefongespräche. Desmond. Sophie. Meine Daten. Der Raum verfinstert sich vor Verzweiflung. Die Krankenschwester kramt in ihrem Schrank im Korridor, wo sie die Sachen der Leute aufbewahrt. "Eigentlich habe ich es schon im Mai abgesetzt, aber ich habe es den Leuten erst im Juli erzählt, worauf die beschlossen haben, ich sei dabei, verrückt zu werden. Ich hatte das Zittern der Hände und den Durchfall satt und wollte ein Leben ohne Medikamente führen." - "Hm." - "Und ich weigere mich, hier welche zu nehmen." - "Aha." - "Ich denke, ich habe das Recht dazu." Er hebt seine Augenbrauen und richtet sich auf. Ich fahre fort: "Ich bin Ausländerin." - "Sie unterliegen jetzt unserer Aufsicht und werden tun, was wir für richtig halten. Schwester - geben Sie der Schwester Ihre Sachen, sie wird Sie auf die Abteilung führen. Wir haben uns mit Dr. Foreman in Verbindung gesetzt. Und unser Dr. McShane ist soeben aus Amerika zurückgekehrt, wo er über Lithium gearbeitet hat. Er wird Sie morgen Vormittag besuchen."

Ich sitze auf einem kleinen Stuhl bei der Tür und bin erfüllt von Scham. Wie bescheuert. Von der Polizei verhaftet und in eine Irrenanstalt gebracht. Her drinnen kannst du froh sein, wenn du am Leben bleibst. Du bist genau die Art Klugscheißerin, der sie gerne Löcher hineinbohren und es dann experimentelle Chirurgie nennen. Ein solcher Ort praktiziert garantiert Elektroschocks - das riecht man gleich beim Eintreten. Du wirst nicht kooperativ sein, und sie werden dich mit Elektroschocks bestrafen. Wenn es bloß darum ginge, dir Lithium hineinwürgen zu lassen, wäre das kein Problem: Nimm zwei Wochen lang deine Pillen, bis sie mit deinen Blutwerten zufrieden sind, und dann hüpfst du aus der Tür und wirfst den Rest weg. So wie du es mit dem Megaphen von diesem Kerl in Kalifornien getan hast. Glaubte der wirklich, daß du dich eine ganze Packung lang weiter vergiften würdest?

Eingesperrt in Irland und vielleicht für immer: welche Ironie! Das ist deine allerletzte Einweisung. Hier wirst du begraben. Nur zwanzig Meilen von den Felsen von Moher entfernt, die großartige Linie aus Wasser und Gischt, und Amerika genau gegenüber. Daß es so enden sollte, dieses verpatzte Abenteuer. Auf der Seite der Rebellen stehen und im Irrenhaus enden; wie alles zerrinnt. Das sind die wahren Frauengefängnisse - es liegt schließlich auf deiner Linie. Wie Schicksal umfängt es mich, als ich den Gang hinuntergeführt werde. Heimgekehrt auf schreckliche Weise.





6



Die Abteilung. Eine Stätte des Elends: zerschlissene gelbe Bettüberzüge aus Chenille, schäbige Vorhänge, ein Kruzifix, Jesus, der 35 müden weiblichen Häftlingen sein blutendes Herz zeigt. Die meisten älter, manche schnarchen schon, obwohl die Lichter noch an sind, und die Stunde von Zahnbürste und Toilette angebrochen ist. Ich begrüße die Frauen zu beiden Seiten meines Betts, Gefährtinnen jetzt. Habe Angst, den Raum zu verlassen und angefallen zu werden, also nütze ich die Gelegenheit, mich einem Gruppenausflug zur Toilette anzuschließen. Kabinen ohne Türen. Die Trostlosigkeit von Schmutz und Kälte. Meine Zahnbürste ist in meinem Gepäck, aber ich kann mir das Haar mit der Haarbürste aus meiner Handtasche bürsten. Schon das fühlt sich besser an. Die Wichtigkeit der äußeren Erscheinung in Irrenanstalten, ihre politische Bedeutung: Jemand mit ungekämmtem Haar wird nie entlassen. Und der kleine Trost, den es spendet; ich beneide sie um ihre Zahnbürsten und Waschlappen. Aber ich habe noch meine Straßenkleider, während diese Frauen schon so lange in Schlafröcken stecken, daß sie sich äußerlich völlig der Anstalt angepaßt haben. Auch das verschlossene Gesicht der Armut; es ist eine staatliche Anstalt, nicht privat, das Ende der Straße.

Es ist schrecklich, hier Frauen in den Dreißigern zu sehen, aber am meisten tun mir die älteren Frauen weh. Ohne Hoffnung, mit der Aussicht, hier zu sterben. Jahre in Anstalten hinter sich. Unerwünscht, entfremdet, schon so lange ausgestoßen. Jahrzehnte dieser grauen Stätten. Oder erst am Ende hierher verbannt; Sohn und Tochter entschlossen, sich zu entlasten. Zwischen deren hohler Fürsorge und dem Staatsgefängnis gab s nichts, und so landeten diese alten Frauen hier. Alte Damen sogar, immer noch um ihr Äußeres bemüht, obwohl zum Schnarchen neigend, eine Störung des Schlafsaals, der in so obszöner Weise jeder Privatheit entbehrt. Und doch, die Geste der sommersprossigen alten Hand, die den Hahn aufdreht, ist die Geste eines Lebens, das mit einer gewissen Grazie und Würde gelebt wurde, Schönheit. Die Schönheit einer zerbrechlichen, aber standfest erhaltenen Menschlichkeit hier in dieser schäbigen Hölle. Dieser unendliche Alptraum, wo man gezwungen wird, am Leben zu bleiben, nur um zu beobachten, wie jeder Tag immer weniger verspricht und immer näher an den Tod heranführt. Schon sind sie weit über ihr Lebensalter hinaus gealtert, diese Frauen; eine mit vierzig sieht aus wie siebenundfünfzig. Unter ihnen fühle ich mich wie ein College-Mädchen, und sie nehmen mich als Jugendliche wahr, nennen mich Katie, mein Kindername.

Wochen später werden sie mein Foto in einer Zeitschrift sehen, eine Geschichte über meine Rede vor der Labour Party in Dublin. Ein Leben weit weg. Ich sehe es und kann es nicht glauben, eine Welle der Scham überschwemmt mich; es ist, als ob entweder die eine oder die andere Existenz nie gewesen wäre. Ich kann doch nicht immer noch dieselbe Person sein. Interviews, Porträtfotos. Sie rufen mir aufgeregt zu: "Bist du das, Katie?" Stolz, entzückt. Bis zu jenem Augenblick und auch nachher bin ich nur ihre Katie, die sie aufmuntert, die unbedingt lernen will, ihre mitgebrachte irische Hirtenflöte zu spielen, die sich von jeder Frau helfen läßt, die sich noch daran erinnern kann, die Witze reißt, Späße treibt und sie zum Lachen bringen kann. Und wenn die Schwester das Zimmer verläßt, stärkt sie den Geist der Rebellion und Verweigerung, ist frech und stellt Fragen, hat Meinungen und äußert Beschwerden. Hört die Geschichten aller an und offeriert ihnen ihre Unterstützung. Macht die Anstalt so vergnüglich, wie sie unter den gegebenen Umständen sein kann, so voller Gelächter und Kameraderie und Respekt wie nur irgend möglich. Überredet sogar die Schwestern, Schwestern zu sein und nicht Wärterinnen.

Ich habe mein Leben als Insassin begonnen. Sogar meine Handtasche haben sie mir genommen. Versprechungen, daß sie mir daraus geben werden, was ich brauche. Geld? Zigaretten? Du kennst deine Schwäche und kannst ohne Tabak nicht leben. Eine Weile, solange das Geld reicht. Ohne sie würdest du ausklinken, "verwirrt" werden, dich in dich selbst zurückziehen. Du würdest einen Schock bekommen. Ausflippen. Wie viele Zigaretten sind noch in meinen Taschen? frage ich mich auf meinem Bert sitzend und überlege mir, wie ich die Nacht überstehen soll. Vielleicht kann ich am Morgen wieder gehen; vielleicht ist das irgendeine irische Vorstellung von Ausnüchterungszelle nach einem Drink, den man nie genossen hat. Wie konnte ich mich nur einfangen lassen? Irgendwo fährt ein Ford Escort durch die Nacht - und du hättest unterwegs sein können. Und wie erreichst du jetzt irgendwen? Wie komme ich hier raus? Wie finde ich Hilfe? Wenn es hier ruhiger wird, kannst du dich nach Türen und Fenstern und Telefonen umsehen. Der Saal jetzt nur noch halb erleuchtet, die Schwestern am Saalende stricken ausgerechnet die traditionellen irischen Aran-Pullover. Grellgrün. Würden Sie mir auch einen stricken? frage ich und versuche sie in ein Gespräch zu verwickeln, nehme mir die Freiheit, das Bett zu verlassen. Schhhh. Ich muß schweigen, es ist Schlafenszeit.

Erst jetzt haben sie die Austeilung einer ganzen Tüte von Pillen beendet. Sachen, die dir den Schlaf bringen, schmeicheln sie. "Mary, willst du nicht eine für deine süßen Träume?" - "Was ist das?" frage ich. "Pulver", lachen sie. "Medizin." - "Wer macht sie?" Für mich wurde noch nichts bestellt, was die Nachtschwester bedauert, weil ich zwischen den Bettreihen auf und ab spaziere, als ob es sicherer wäre, auf den Beinen zu bleiben, wachsam zu bleiben eine weitere Nachtwache lang.

Als die Stunden vergehen, verwandeln sich die schlafenden Körper in alle Personen, die ich je gekannt habe. Ich bin in einem Film, wo Fumio liegt und Sita gleich daneben - eine alte Frau, die von todes- oder alterswegen hierhergebracht wurde oder wegen ihrer Zerbrechlichkeit, eine geheimnisvolle Gestalt dort hinten, wo die Schwestern sind. Ich empfinde ein enormes Mitgefühl für dieses Geschöpf, das auf dem Rücken liegt, für die Frau ebenso wie für sie als Verkörperung von Sita. Ich gehe durch den Mittelgang und betrachte die Gesichter in den Betten. Sind es Leute, die ich kenne? Mädchen vom College, Frauen aus der Bewegung? Ähnlichkeiten. Manche ja, manche nein. Allgemeine Merkmale. Aber auch wenn sie Fremde sind, nimm, solange du hier bist, den Geist jeder einzelnen in dich auf, jede ein einzigartiges Wesen; nimm jede Seele zur Kenntnis, ihre Heiligkeit in diesem Leichenhaus. Und hör nie auf, mehr über diesen Ort erfahren zu wollen. Während du hier herumhängst, ist die Zeit kostbar; sauge alles auf. Aber sieh dich auch vor, such den Ausgang, schau dich um.

Als die Schwestern die Geduld verlieren, ziehe ich mich auf mein Bett zurück. Aber heute nacht will ich nicht ruhen. Ich muß durchhalten. Hier zu schlafen bedeutet, sich diesem Ort zu unterwerfen. Leg deine Zigaretten aus. Zäh! sie so lange, bis jede ihre eigene Persönlichkeit hat, ihren eigenen Geschmack, einen Augenblick der Blüte und Vollkommenheit. Diese hier zu einer Tasse Kaffee - wenn es so etwas überhaupt gibt. Gib eine French Caporal für danach dazu, und spar den Rest für Notfälle. Diese hier für die Gedanken in der Morgendämmerung. Diese für das Ende der Nacht. Schon wieder muß ich pissen. Und man darf diesen Raum nicht verlassen; wenn ich es versuche, würden sie mich wahrscheinlich erwischen, würden mir Fluchtgedanken unterstellen. Die Gummizelle - wo ist sie wohl, welche der Zimmer sind versperrt? Ich würde gern hinausgehen, um die Umgebung zu erforschen, aber ich trau' mich nicht. Mit unendlichem und lautlosem Taktgefühl pisse ich also in das leere Wasserglas neben meinem Bett. Eine perfekte Arbeit. Dieser kleine Erfolg belustigt mich. Müde jenseits aller Worte, verängstigt jenseits jeder Hoffnung auf Ruhe, spielt mein Kopf Spiele. Der Raum selbst hält mich die ganze Nacht gefangen, er verändert sich und gestaltet sich neu, als ob an seine Wände Filme projiziert würden. Aber woher?

Von der anderen Seite der Wand. Die Praktikerin in mir würde das hebend gerne erforschen, diese Quelle. Wände, die Bilder annehmen wie die 'Wände der Gummizelle in Herrick, meine erste Festnahme in Kalifornien. Und hier kann ich jeden Menschen heraufbeschwören, den ich kenne und liebe oder einmal gekannt und geliebt habe: Fumio, Sophie, Dakota, Petra, Fetzen aus biblisch?epischen Filmen, Charlie Chaplin und Pariser Nachmittage in armseligen Kinos, meinen Vater. Hier anwesend als beschützende Kraft.

Desmond wird kommen; das muß er, wenn er schon darüber Bescheid weiß. Sind schon Kräfte am Werk, um mich zu befreien? Ich muß nur wach bleiben und darf mich nicht der Panik überlassen, muß mucksmäuschenstill bleiben. Wenn du laut sprichst, wenn du schreist, ist alles vorbei. Du mußt sehr stoisch sein. Und dieser Ort ist voller Geheimnisse. Komm ihnen also mit List auf die Schliche. Diese Sita ist zum Beispiel hier.. . Nicht die echte Sita, aber eine gewisse Ähnlichkeit. Wie die ägyptische Gestalt im Baderaum der Klinik in Minnesota, eine Putzfrau mit einem Fetzen Stoff um den Kopf, eine von ganz unten; wir waren zusammen in Ägypten. Und es war Sita. Eine verarmte Fürstin. Sita ist jetzt tot; sie kann als alles erscheinen, in jeder Gestalt auftauchen, um mich zu trösten. Hier ist sie das personifizierte Mitleid, diese sehr alte Frau dort unten bei den Schwestern, so uralt, daß sie heute nacht sterben könnte. Kleine gurgelnde Geräusche aus dem Bett, eine seltsame Konstruktion mit einer Reling rundherum. Damit sie sich festhalten kann? Damit sie in Schach gehalten werden kann? Ich erkundige mich bei einem meiner kleinen Spaziergänge in den oberen Teil der Abteilung, in Sorge, sie könnte tatsächlich sterben, und die beiden phlegmatischen übergewichtigen Schwestern an ihrer Seite kümmern sich überhaupt nicht um sie. Man würde fast meinen, sie hätte die Wehen: die kleinen Schreie, das Hochziehen der Schenkel, ihre Beine im Bett zusammengekrümmt. Geburt und Tod: ein gegenteiliges, aber ähnliches Paradoxon. Wenn ihr Bett durch die Wand hinter ihr in den nächsten Raum, eine Zelle, was immer, gezogen würde... Und wenn sie sich, auf der anderen Seite angelangt, verwandelte? Befreit. Was, wenn Sita von diesem Totenbett aufersteht? Ich sollte hinübergehen und nachsehen. Ich sollte mir den nächsten Raum ansehen, um mich zu vergewissern. Ich schleiche leise fort, finde zuerst die Toilette, dann weiter in einen kleinen Gang. Die Wand der Abteilung sollte hier enden. ja, da ist eine Kammer, ist es eine Gummizelle, ein Judasfenster? Nein, nur ein leeres Zimmer mit einem seltsamen roten Leuchten. Nichts. Nein, kein Wunder.

Es gibt keine Wunder. Es gibt nur diesen Ort. Klarer erkennbar im Morgengrauen, das erste schöne Licht - grau auf dem Weiß der Wände. Die Korridore führen nirgendwohin außer zu verschlossenen Türen. Unten im Erdgeschoß, denn sogar so weit kam ich auf Samtpfoten, ergreifen meine Hände das Gitter eines Fensters, das sich zehn Zentimeter weit öffnen läßt und nicht weiter. Es ist so gebaut. Das ist es. Ein kaltes Frösteln auf meinem Rücken unter dem Baumwollhemd. Mein Pulli und meine Hose sind oben in der Abteilung auf dem Bett; da ich kein Nachthemd habe, wollte ich in Hemd und Höschen schlafen. Um hier wegzukommen, brauche ich meine Hose - ich muß aufpassen, daß sie mir nicht weggenommen wird. Und das Geld. Aber das haben sie schon. Kauf so bald wie möglich Zigaretten, sonst knallst du noch durch. Ich ziehe meine Hand unter dem Schiebefenster weg, erinnere mich, daß mich die IRA-Männer davor gewarnt haben, wie zerbrechlich Hände sind; hier könnte man sie dir brechen. Was, wenn sie dich dabei erwischen?

Ich schleiche ruhig zurück ins Bett und beobachte, wie der Tag durch die Fensterkreuze kriecht, ein riesiges unterteiltes Oberlicht. Wirklich schön. Denn ein Teil des Gebäudes ist alt, und trotz seiner gegenwärtigen Schäbigkeit und der beabsichtigten Häßlichkeit des derzeitigen Zustands hat es sich in bestimmten architektonischen Details immer noch etwas von der alten Großartigkeit bewahrt. Wie dieses Oberlicht, das zur Flucht einlädt. Gefährliche, unheilvolle, tollkühne Suche nach Engeln, Besenstielen, Flügeln. Der Himmel als einzige Lösung. Wie ihre Medikamente. Du mußt auch diese verdammten Medikamente meiden. In der Abteilung sind alle Nachtschwärmerinnen. Nachdem die Schwester mit den kleinen Glückspillen vorbeigekommen ist, steigen sie im Chor hoch und treten in den Himmel ein. Die Route ihrer Reise ist so drängend und wunderbar, daß ihre Anwesenheit hier den lieben langen Tag bloß eine Personifikation ist - wie die schnarchenden Körper in den Betten. Gegen diese Verführung mußt du dich am meisten vorsehen; der Drang zu fliegen ist groß und herrlich; traumhaft schön und weiß und ätherisch, der Wind in deinem Gesicht und Flügel, ich spüre schon den Schmerz in den Armen.

Rauch noch eine Zigarette; es ist Zeit für die vorletzte. Der Morgen ist schon angebrochen. Das Licht ist zurückgekehrt und mit ihm Sicherheit, Tagesverhalten. Sie können sich nicht alles leisten. Diese Stätte wird wieder eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Krankenhaus annehmen müssen. Irgendwo muß es doch hinter dem Hilfspersonal und den Ärzten auch Nonnen geben. Sieh zu, daß Desmond eine Botschaft bekommt. Und schau dich weiter um, lern, dich hier zu orientieren. Als ich vom Badezimmer und dem Fenster am Ende des Korridors zurückkehre und in der dunstigen Landschaft nach Anhaltspunkten suche, sehe ich eine Pflanze. Eine Geranie in einem Topf, die dringend nach Wasser verlangt. Ich reinige sie, entferne die toten Blätter, die alte Blüte, zupfe sie in Form, bringe ihr Wasser in einem Glas aus dem Badezimmer. In ihrer müden Erde findet sich ein Fünkchen Hoffnung: ein schwacher Ersatz für die Farm, für die Außenwelt, für Irland, das jetzt durch undurchdringliche Fenster grün hereinleuchtet.

[.]





9



Heute nacht hat mich die große Schwester ertappt. Nachdem die Lithium-Pille überreicht und empfangen wurde (irgendwann hätten sie es ohnehin an der Blutprobe gemerkt, wenn ihre eigene Wachsamkeit sie nicht schon vorher gewarnt hätte), bemerkte sie es. Sie wartete, bis ich geschluckt hatte - und dann schnappte ihr Instinkt nach mir, entdeckte die Pille in meiner Backe. Ich könnte sie noch schnell schlucken oder mich stellen. Ich beschloß, mich zu stellen. Die Rede über Bürgerrechte und die erzwungene Verabreichung nicht ausgewiesener Substanzen. Voller Begeisterung für meinen eigenen Fall zeigte ich ihr die Tabletten in der rechten Tasche meines mexikanischen Hemds. Das war's. Schlucken Sie es runter, oder. "Und das auch." - "Was ist das?" - "Megaphen."

Verschrieben, nehme ich an, seit dem Ausbruch. Obwohl auch das nicht sicher ist, weil die Pillen hier absolut haltlos ausgeteilt werden, besonders von der Nachtschicht, die ganze Tüten voll davon hat. Cellophantüten mit Tabletten in allen Farben, vor dem Schlafengehen als Köstlichkeiten verabreicht, die älteren Frauen und die Depressiveren gierig nach ihnen als Fahrscheine für den Schlaf, für Träume - Träume, die von den Austeilerinnen in den glühendsten Farben gepriesen werden. Manchmal denke ich, daß sie Medikamente für Pharmafirmen testen oder die Medikamentenabhängigkeit als verborgenes Leben hier herbeiwünschen, Nachtleben. Die Dinge des Tags entsprechen hier absolut nicht den Dingen der Nacht, das Nachtpersonal eine andere Züchtung, gemeiner, noch weniger geneigt, mit den Patientinnen Kontakt aufzunehmen. Anders als die mütterlichen Zurechtweisungen des Tagespersonals, das uns wie schlimme Kinder behandelt, geht das Nachtpersonal mit uns um, als wären wir verurteilte Delinquentinnen.

Und jetzt gibt es einen ziemlich abstoßenden Megaphensirup, den ich abends nehmen muß. Ich rede mir ein, es sei Brandy oder Drambuie oder irgendein irisches Gesöff, das mir in der Außenwelt noch nicht untergekommen ist. Ich trinke es langsam, versuche den abscheulichen Geschmack zu unterdrücken und daraus einen Drink zu machen, ein Vergnügen, ein Fest - alles, nur keine Bestrafung, um den Geist zu umnachten. Ich vermische es mit Milch oder nippe abwechselnd daran, derweil die Nachtschwester mich antreibt. Ich trotze ihr und tue so, als würde ich es genießen. Mein Gott, jetzt drängt sie mir noch mehr auf. Verschrieben? Wer weiß, von einem Arzt, nach eigenem Gutdünken, wer weiß?

Ich weiß nur, daß ich mehr Orangen brauchen werde, um die Wirkung zu bekämpfen. Mehr Kaffee, wenn es ihn denn gäbe, oder einfach schwarzen Tee. Ich beginne Obst zu essen wie eine Athletin. Ich bewahre die Früchte in meinem Spind auf, urn es auf sechs Orangen am Tag zu bringen. Ich beginne, Durst zu haben. Denn natürlich erzeugt Megaphen Durst. Die Frauen sprechen von einem anderen Medikament - Dapotum. Das Megaphen wird nicht mit Orangensaft verdünnt verabreicht, wie in Amerika. Es ist eine direkte Ladung, eine große Ladung. Woraus besteht es? Was tut es mit meinem Hirn? Megaphen erzeugt Halluzinationen. Das kann ich kaum gebrauchen, wo ich doch krampfhaft versuche, bei Verstand zu bleiben. Aber was ist Dapotum?

Ich nehme nicht mehr wahr, daß ich hier das stille Wässerchen bin, das fast unsichtbare Wesen mit seinem Tee. Erst bemerkt am Ende, wenn sie ihre Tablette folgsam nimmt. Höflich und unscheinbar; sogar der Akzent und das Ausländische bleiben unbemerkt, da sie in Anwesenheit der Schwestern niemals etwas sagt. Sobald die Wärterinnen weg sind, ist sie das Herz und die Seele der Versammlung, amüsant, clownesk, ständig in Bewegung bei dem Versuch, die Lustlosen zu beschäftigen, ihre Geschichten zu erfahren, den Ort kennenzulernen, herauszufinden, wer Elektroschocks bekommt. Es sind immer die zerfleddert Aussehenden, die total Erschrockenen, die entweder wissen, daß es eine Bestrafung ist, oder sich verzweifelt einzureden versuchen, es erfolge zu ihrem eigenen Besten. Aber wenn sie darüber erzählen, schlägt ihnen die Wahrheit beim Reden hart ins Gesicht. Meistens schweigen sie und zittern, ihre Hände ein Veitstanz über dem Chenille-Schoß ihrer Schlafröcke; ihre Gesichter rot, ihre Zungen unkontrolliert. Andere Zungen auch: die Megaphen-Zungen, die anschwellen und dauernd dürsten; die meiste Zeit des Tages nichts als die Suche nach irgendeiner Flüssigkeit.

Antis Maim hat sie hierhergesteckt, Marys Schwiegereltern, Margarets eigene Mutter. Und die Besuche, auch die Besuche der Täter und Täterinnen, werden sehnsüchtig herbeigewünscht, geliebt, gehaßt, gefürchtet. Langeweile und Notwendigkeit zugleich.

Wenn ich Fakten über diesen Ort sammeln könnte, die Medikamente und besonders die Elektroschocks, dann könnte Deirdres Freundin Charlotte, die Abgeordnete im irischen Parlament ist, der Sache nachgehen. Schon allein der Anblick der abblätternden Farbe und die gelblichen Wände - der kränkliche Anblick des Verputzes in dieser Ecke der Zimmerdecke des Tagraums - würde eine Untersuchungskommission auf den Plan rufen.

Erst kürzlich gab es einen Skandal im Zusammenhang mit irischen Nervenkliniken; vielleicht könnten wir da etwas weiterbringen. Bloß "etwas" allerdings, denn was wirklich nicht in Ordnung ist, das Arzneimittel - das Medikament als Heilmittel und offiziell anerkannte Methode -, dieser Hinterhalt ist der eigentliche Skandal. Im allgemeinen werden Arzneimittel befürwortet, weil sie beruhigen und den Pflegern und Krankenschwestern, den Wachbeamten, die Arbeit erleichtern. In Wirklichkeit leisten sie eine ganze Menge mehr, alles Dinge, die der geistigen Gesundheit absolut widersprechen: sie lösen Visionen aus, Halluzinationen, Paranoia, geistige Verwirrtheit. Nichts ist schwerer, als unter dem Ansturm eines Medikaments bei Sinnen zu bleiben. Das Irrenhaus selbst ist wahnsinnig, abnorm, eine erschreckende Gefangenschaft, eine irrationale Versagung aller menschlichen Bedürfnisse - so daß es schon allein deshalb einen überwältigenden Kampf kostet, drinnen klaren Kopf zu bewahren. Nach einiger Zeit brechen viele Opfer zusammen und erklären sich mit ihrer Geistesgestörtheit einverstanden; sie geben auf. Und ziehen sich zurück. Im Laufe der Zeit können sie nicht mehr zurückkehren, und am Ende wollen sie es auch nicht; das Leben draußen ist schon zu sehr entrückt, verspricht zu wenig, ist so zweifelhaft - sie haben es vergessen. Und sie begrenzen ihre Existenz auf ihren eigenen Kopf, auf die Ablenkungen innerhalb ihrer Selbst. Die Enttäuschungen und Freuden einer sorgsam geschmiedeten Phantasievorstellung, wie ein Nest gebaut aus den Fetzen dessen, was einst ein Leben war und es nicht länger sein durfte.

Seltsam, wie die Umrisse einer Anstalt, ihre Intention und Definition, die Insassen beeinflußt; Kriminelle bleiben im Gefängnis geistig normal, weil es ein Gefängnis ist und kein Irrenhaus. Schon allein der Zweck einer psychiatrischen Anstalt und das, was alle darunter verstehen, führen zwangsläufig zum Wahnsinn. In der Klapsmühle geistig gesund zu bleiben heißt, sich ihrer Definition zu verweigern. Allgemein herrscht die Meinung vor, daß Leute dort nicht hineingeraten, wenn sie nicht verrückt sind, und nur herauskommen, wenn sie gesund sind, also geheilt und vom Wahnsinn gereinigt. Und was ist Heilung - Angst? Soll die Gefahr nie endender Gefangenschaft einen zur Vernunft bringen? Für mich hat es den entgegengesetzten Effekt. Je mehr ich mich davor fürchte, hier niemals mehr zu entkommen, desto ängstlicher werde ich. Desto begieriger, einen Weg hinaus zu finden, ob durch das Telefon oder die Post, durch Freunde oder einen Spaziergang zum Hotel. Und jetzt, da ich diese Flucht verpaßt habe, erkenne ich, daß ich hier tiefer eingesunken bin, Punkte verloren habe, von nun an als fluchtgefährdet überwacht werde, mehr Medikamente nehmen muß. Ich habe ihre Aufmerksamkeit auf mich gelenkt, benötige stärkere Kontrolle. Noch ein Versuch, und du wirst mehr verlieren als deine alte braune Hose. Es muß in diesem Gang "ruhige" Zimmer geben. An manchen Vormittagen gibt es Elektroschocks.

Um bei Verstand zu bleiben, der schon allein durch den Ort von allen Seiten attackiert wird, wirst du die Medikamente bekämpfen müssen. Du hast den Wächterinnen getrotzt, hast ihr Zeug so fröhlich getrunken, als wäre es ein Drink, sie werden sich jetzt einen Spaß daraus machen, dich noch mehr unter Drogen zu setzen. Da du zu große Angst hast, nachts zu schlafen, wird die Frage, wann - wenn überhaupt - du hier herauskommst, um so dringlicher. Mit viel Zeit in der Einsamkeit legst du den Weg zum Badezimmer immer und immer wieder zurück und versuchst, einen Plan zu schmieden, herauszufinden, wer, wenn irgendwer, wissen könnte, daß du hier bist. D'arcy, Deirdre, Moira, die Frauen in Dublin. Desmond. Wenn er es weiß, wieso unternimmt er nichts? Warum informiert er die anderen nicht? Wenn Sophie es weiß ... und sie muß es wohl wissen - sie war bei dieser wundersamen Konferenzschaltung zusammengespannt mit Desmond, den Flughafenbullen und dem herausgeputzten Arzt. Eine Schneiderpuppe mit einem Stück Papier, von dem du nicht einmal weißt, ob du es unterschrieben hast, geschweige denn, was drinnen stand - verschreckt, verängstigt wie ein Kaninchen Jetzt so viele Tage später - wie viele Tage? - zähle, versuch, dich zu erinnern, an welchem Tag die Falle zuschnappte. Sie brachten dich gleich hierher, setzten dich noch am selben Abend hier fest - das Bärtchen und der gute Anzug. Am nächsten Tag - wie erinnerst du dich daran und an den Tag danach? Orientierst du dich daran, was im Fernsehen lief? Wie viele Zigarettenpackungen du hattest; du hast eine Stange bestellt, aber nur fünf bekommen. Wieso kosten sie hier doppelt so viel? Egal. Hast du genügend Geld im Portemonnaie, um dir weiter Zigaretten zu kaufen? Nie ist genügend Zeit zum Zählen, wenn sie dir erlauben, welches zu holen. Du darfst nicht vergessen, es auszurechnen - ein Teil des Geldes ist in Reiseschecks oder bei der Bank von Irland. Idiotin, jetzt hast du ein Bankkonto in diesem Land und kannst es nicht benützen; dieser Laden wird doch nie im Leben Schecks annehmen.

Vergiß es - wer, wer könnte helfen, dich zu retten? Desmond - ich kann das von Desmond nicht glauben: ein Rebell, ein Freiheitskämpfer. Aber ein Anwalt. Dann die Frauen, aber wissen sie es? Sophie würde sie bis hierherkommen? Mallory, die doch eingesehen hat, daß ihre Vorgangsweise falsch war? Absurd. Keine Hilfe aus Amerika also; nur Sophie und die Familie würden es erfahren und ein paar Freunde - die aus dem, was sie gehört haben, entnehmen werden, daß ich mich genau dort befinde, wo ich hingehöre und wunderbar versorgt werde. Die irischen Frauen also - wer von ihnen? Hoppla, die Nachtschwester. Bin gleich fertig, ein bißchen Durchfall. Jawohl, ich gehe gleich ins Bett. Nein, ich brauche sicher nichts zum Schlafen. Nein, wirklich nicht. Nein. Und die Nadel sticht in dein Hinterteil wie ein Fluch, und dann überkommt dich weiße Bewußtlosigkeit, schnell, so schnell, und dann wieder diese schrecklichen Träume.

Die Dapotum-Träume. Es kommt über dich wie ein weißer Schlagstock, und eine kurze Weile bist du bewußdos. Dann beginnt es. Ich bin vollkommen bei Bewußtsein, grauenhaft wach und doch steif, in den Traum eingeschlossen. Aus diesem Schicksal gibt es kein Entrinnen, der Traum kommt immer und immer wieder, nur schlimmer. Mit immer größerer Gewißheit. Er beginnt bei den hinteren Fenstern des Schlafraums, die mich sogar bei Tageslicht verfolgen. Ebenso wie das Oberlicht, der Durchgang zum Himmel, die Route der Fliegerinnen. Denn die Traumfliegerin wird zuerst über diesen Weg verfuhrt, sieh den anderen anzuschließen und die Nachtflüge zu nehmen, die Pillen werden bereitwillig geschluckt wegen dieses Augenblicks der Ekstase, wenn die alten Damen der Abteilung Engeln gleich, wie in einem Gemälde der Präraffaeliten, durch das Oberlicht schießen und sich in die größtmögliche Freiheit zerstreuen, der Selbstflug, Leonardos Traum vollzogen in grauen Nachthemden, die durch die Luke entfleuchen. Und wenn du nachgibst, wenn du nicht weiterhin danach trachtest, hier zu entkommen, wirst du ebenso enden. Durch die Dachluke ins Freie. Die Luft spüren, die Freiheit atmen, rittlings auf Wolken und Wind, Hexen im nächtlichen Flug. Nein, nein. Bleib am Boden. Damit kaufen sie dich ein. Aber du bist schon mit dem Alptraum-Toxin geimpft, kannst ohnehin nicht abheben. Und von hier entkommen wirst du auch nie.

Dann die Fenster, die auf die Bäume schauen, die Aussicht auf die Felder dort hinten. Du wirst ein Gesicht in einem dieser Fenster sein. Jahre. Ein Gesicht wie welkes Papier-alt, dann älter. Das hinausschaut. Stumm. Hilflos, eine Ziffer ohne Methode und Kommunikation. Still wie eine Illusion. Eine Erinnerung an kaum etwas. Nichts als diese weiße Gestalt hinter Glas über die Jahre. Es wird seltener winken, aber das Gesicht kann nicht umhin, immer noch zu bitten, eine letzte Geste, die niemand je erblicken wird. Diese Fenster schauen bloß auf einige Bäume; dort gibt es nicht einmal einen Weg, nur einen Gärtner und nachts die Hunde. Weit weg in New York, Amerika, werden die Leute, die sie kannte, den Faden verlieren, sie vergessen, zuerst hören sie, sie wäre auch körperlich krank gewesen, eine Lungenentzündung vielleicht, ein gebrochener Arm. Monate, dann ein halbes Jahr, dann eineinhalb Jahre. Die Ärzte liefern ihre Berichte immer seltener ab. Freunden wird gesagt, daß ihr Zustand unheilbar sei, ein Sieg des Wahnsinns; dort ist sie gut aufgehoben. Die Leute im Spital sind nett, sie hat alles, was sie braucht, sie liebt Irland. Um die Farm hat man sich gekümmert. Durch Vernachlässigung verkommen, zu einem schlechten Preis verkauft, aber was hätte man sonst tun sollen? Niemand hat Zeit oder Lust, sich darum zu kümmern. Und diese Sache mit der Künstlerinnenkolonie war ohnehin ein Hirngespinst, die Art von hirnrissiger Idee, wie sie Leuten in der manischen Phase einfällt. Alles wurde äußerst unordentlich zurückgelassen. Vor Jahren. Jetzt nur noch dieses Gesicht im Fenster.

Du bist jetzt auf ewige Zeiten in Dr. Strongs Gewalt. Du bist in den Fängen der Kirche, vor der du vor so langer Zeit weggelaufen bist, die Treppe hinunter hinaus aus dem Beichtstuhl auf die Straße. Jetzt hat dich der eherne Arm erwischt, dieselben gemeißelten Steine. Trotz der Präsenz des Staates endest du schließlich doch in den Fängen Roms. Ein ironischer Schauder, daß es dazu kommen mußte; daß du dein Erbe so weit abschütteln konntest, nur um hier zu enden, ein Krüppel und eine Geistesgestörte, ein alterndes Weib unter den Verrückten, dein ganzes kleines amerikanisches Freiheitskämpfergetue nun gänzlich dahin, Frauenbefreiung und andere Hirngespinste zerquetscht wie Cellophan unter der Wucht dieses steinernen Zwangs.




Kate Millett, eine der bekanntesten Vertreterinnen der Frauenbewegung, schildert im Buch 'Der Klappsmühlentripp' in klarer und eindringlicher Sprache die Gewalt der psychiatrischen Institutionen, die sich insbesondere gegen Frauen richtet. Die bekannte Feministin wurde selbst Opfer dieses Systems und geht aus von ihren eigenen Erfahrungen einer jahrelangen Odyssee durch die Psychiatrie. Kate Millett ist eine der bekanntesten Vertreterinnen der Antipsychiatriebewegung, es lohnt sich das ganze Buch zu lesen.
Die amerikanische Presse urteilt: Seit Ken Keseys 'Einer flog über das Kuckucksnest' hat es in der Literatur keinen solchen Aufschrei gegen psychiatrische Einrichtungen und Praktiken gegeben.

Kate Millett, geboren 1934, Schriftstellerin, Bildende Künstlerin, lebt und arbeitet zusammen mit anderen Frauen auf ihrer Farm im Staat New York. Weitere Veröffentlichungen in deutscher Übersetzung: 'Sita', 1978. 'Im Basement', 1980. 'Das verkaufte Geschlecht',1981. 'Fliegen - Flying', 1982. 'Sexus und Herrschaft', 1983. Auch diese anderen Bücher von Kate Millet, insbesondere den feministischen Klassiker 'Sexus und Herrschaft', zu lesen macht Sinn.


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Zuletzt aktualisiert 30.05.10



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Zwangspsychiatrisierung Frauen. Auszug aus 'Der Klappsmühlentripp' von Kate Milett. stichworte: Zwangspsychiatrie Feminismus Widerstand Antipsychiatrie Macht Medizin Subjekte Krankheit Norm Gewalt Sexismus Abweichung antifeministische Gewalt


























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